Parlamentarier der deutschen Minderheiten im Europa der Zwischenkriegszeit

Wie nationale Minderheiten in neue politische Systeme integrieren? Vor dieser Herausforderung standen zahlreiche neue und vergrößerte Staaten am Ende des Ersten Weltkriegs. Den größten Verbreitungsraum hatten in der Zwischenkriegszeit deutsche Minderheiten. In Dänemark, Estland, Lettland, Litauen, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, Italien und Frankreich waren diese so zahlreich, dass sie bei freien Wahlen Abgeordnete in die jeweiligen nationalen Parlamente entsenden konnten. In dem von Benjamin Conrad, Hans-Christian Maner und Jan Kusber herausgegebenen Band widmen sich die Autoren diesen Abgeordneten.

Die Beiträge behandeln die Frage der Integration und politischen Teilhabe deutscher Minderheiten am jeweiligen Staat. Der Schwerpunkt liegt auf der unterschiedlichen Ausgestaltung der parlamentarischen Partizipationsmöglichkeiten von Minderheitenpolitikern. Während sie in Estland und Lettland über viele Jahre hinweg mit Entgegenkommen rechnen konnten, wurden sie in anderen Ländern nahezu von Beginn an ausgegrenzt – bis hin zu Gefahr für Leib und Leben, wie in Italien. Allerdings verschlechterten sich die Partizipationschancen rasch. Ausgehend von Italien und Ungarn griff in den 1920er Jahren der Autoritarismus um sich. Ab den 1930er Jahren wurden in Europa sogar wieder mehr Staaten autoritär denn demokratisch regiert. In solchen Systemen wurden Abgeordnete zu handlungsunfähigen Statisten degradiert, wenn sie überhaupt noch benötigt wurden.

Der Band erschöpft sich nicht in der Betrachtung autoritärer Entwicklungen in den untersuchten Staaten. Auch die autoritären und pro-nationalsozialistischen Tendenzen innerhalb deutscher Minderheiten, die vielfach in Wahlergebnissen ihren Niederschlag fanden, gehören zur Geschichte des deutschen Minderheitenparlamentarismus dieser Jahre. Durch seine vergleichende Vorgehensweise leistet der Band einen wichtigen Beitrag zur Demokratie- und Parlamentsgeschichte der krisenhaften und fragilen Zwischenkriegszeit.

Von
Reihe
Parlamente in Europa 4; Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Band 170
Erscheinungsjahr
Seiten
288
Format
Klappenbroschur
Preis
49,80 €
ISBN
978-3-7700-5327-8
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