Projektstart »Demokratie – Emotion – Geschlecht. Die Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 als parlamentarisches Laboratorium«

Die Revolution von 1848/49 markiert eine zentrale Zäsur in der deutschen Demokratiegeschichte. Die Frankfurter Nationalversammlung weckte große Hoffnungen auf politische Mitbestimmung und eine politische Neuordnung Deutschlands. Im Lauf der Entwicklung prägten aber auch Angst, Enttäuschung, Zorn oder Ohnmachtsgefühle angesichts des (später vielbeklagten) »Scheiterns« die Wahrnehmung und Bewertung des Aufbruchs von 1848.
Die Paulskirche war Schauplatz hitziger Auseinandersetzungen – und sowohl Ursache als auch Projektionsfläche vielfältigster Gefühle und emotionaler Zuschreibungen in- und außerhalb des Parlaments. Diese Emotionen haben den Verlauf der Verhandlungen, aber auch das deutsche Politikverständnis und die Deutungsgeschichte von 1848/49 geprägt. Gespeichert sind diese Gefühle in den Briefwechseln und Tagebüchern von Abgeordneten und Frauen aus ihrem privaten Umfeld – einem Quellenkorpus, der bisher nicht seiner Bedeutung entsprechend bekannt ist und wissenschaftlich noch nicht systematisch untersucht wurde.
Das im Oktober 2026 gestartete Projekt »Demokratie – Emotion – Geschlecht« untersucht und erschließt die Frankfurter Nationalversammlung als parlamentarisches Laboratorium, in dem Politik emotional erfahren und ausgehandelt wurde. Besonderes Augenmerk liegt auf der Bedeutung emotionaler Gemeinschaften sowie geschlechtsspezifischer Gefühle für Wahrnehmungen, Entscheidungen und Deutungen in der Entwicklung des Revolutionsjahrs 1848/49.
DFG-gefördertes Forschungs- und Editionsprojekt
Das gemeinsame, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt der KGParl und der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (München) verbindet eine digitale Edition mit einer wissenschaftlichen Monografie. Dr. Matthias Berg wird die Briefe und Tagebücher in einer digitalen Edition für Forschung und Öffentlichkeit zuverlässig und dauerhaft zugänglich machen, während Hannah Runden M.A. sie in einer Monografie analytisch auswertet. Durch die Verbindung von Demokratie-, Emotions- und Geschlechtergeschichte verspricht das Projekt neue Erkenntnisse über politische Aushandlungsprozesse sowie deren Reflexion und Verarbeitung. Der Untersuchungszeitraum von Frühjahr 1848 bis Sommer 1849 sowie die dichte Überlieferung ermöglichen es zudem, Veränderungen emotionaler Deutungsmuster im Verlauf der Revolution nachzuzeichnen.
Quellengrundlage
Für rund 260 Abgeordnete der Nationalversammlung sind entsprechende Briefe und Tagebücher im Bundesarchiv überliefert. Ergänzt werden sie durch bereits edierte Quellen und Nachlässe aus anderen Archiven. So lassen sich auch weniger bekannte Abgeordnete und ihr familiäres, außerparlamentarisches Umfeld berücksichtigen. Insbesondere die Briefwechsel zwischen Abgeordneten und ihren Ehefrauen, Töchtern und weiteren Korrespondenzpartnerinnen ermöglichen neue Einblicke in die Wahrnehmung des politischen Umbruchs von 1848/49 durch Frauen – denen im 19. Jahrhundert das aktive und passive Wahlrecht sowie der Zugang zur politischen Öffentlichkeit vorenthalten blieb. Das Projekt macht damit bislang wenig beachtete Perspektiven sichtbar und erweitert den Blick auf die Paulskirchenabgeordneten um ihre familiären und gesellschaftlichen Resonanzräume.

